Kennzeichen, Situation und Entwicklung des religiösen „Heilsmarktes“

In den vergangenen Jahren verändert sich der religiöse Heilsmarkt in einem derart rasanten Tempo, dass es kaum möglich ist, mit einer systematischen Beobachtung dieser Entwicklungen Schritt zu halten. Auffallend ist dabei, wie auch der Bereich Religion immer mehr kommerzialisiert und privatisiert wird. Das rasche Wachstum kommerzialisierter Spiritualität zeigen auch Schätzungen zu Umsatzzahlen des Esoterikmarktes. Längst stehen die klassischen „Jugend- und Psychosekten“ nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit. Die Bevölkerung ist über klassische Gruppierungen wie die Zeugen Jehovas oder Scientology weitgehend aufgeklärt und entsprechend rückläufig sind hier auch die Mitgliedszahlen. Vielmehr sorgen heute die ständig neu entstehenden niederschwelligen esoterischen Angebote für einen erheblichen Beratungsbedarf. Werteorientierung, Religion, Esoterik und Spiritualität sind ein Wirtschaftsgut geworden und werden oft auf höchst professionellem Niveau vermarktet. Als Konsumenten kommen hier nicht nur Jugendliche, sondern Menschen aller Altersstufen in Frage. Der Trend zu kommerzialisierter Religion spiegelt sich auch im Bereich Okkultismus wieder. Mittlerweile zeigt sich, dass in der (Unterhaltungs-) Industrie gezielt (nicht nur okkulte) Trends erzeugt werden, die im Vergleich zu den originären Jugendtrends allerdings nur eine sehr kurze Dauer haben, sich dafür aber durch die neuen Medien extrem rasch verbreiten.

Ein aktuelles Beispiel für diese Entwicklung ist die „Charlie-Charlie Challenge“, die im Mai 2015 initiiert wurde und binnen kürzester Zeit eine Internetepidemie auslöste. Zahlreiche Medien bezogen dazu Stellung. Anfragen, die von Eltern und Schulsozialarbeitern an die Beratungsstelle gerichtet wurden, spiegeln diesen Trend. Allerdings – und hier unterscheidet sich die Charlie-Charlie Challenge vom Gläserrücken der 80er Jahre- wurde dieser okkulte Trend als Promotion für einen am 27. August 2015 erscheinenden Horrorfilm (The Gallows) kreiert. Der einfache und unkomplizierte „Challenge“-Aufbau (Stift und Papier) garantiert eine schnelle Nachahmbarkeit. Gleichzeitig ist die Challenge so konzipiert, dass sich ohne Schwierigkeiten scheinbar verblüffende Effekte einstellen, die jedoch im Allgemeinen physikalisch erklärbar sind (Stifte bewegen sich z.B. durch Luftbewegung). Für die Anrufung der vermeintlichen Geister sind hier nicht ein kompliziertes Ritual und aufwändige Vorbereitungen notwendig, wie etwa beim Gläserrücken, sondern diese Challenge bietet eine „To Go“-Variante der Geisterbeschwörung und trägt dadurch charakteristische Züge wirtschaftlich erschaffener Jugendtrends. Die Form der Challenge garantiert überdies eine rasche schneeballsystemartige Verbreitung.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s